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Frühcheneltern: Gesunder Egoismus hilft jetzt!

Jedes Kind braucht Eltern, denen es gut geht. Ein Frühchen umso mehr. Deshalb heißt jetzt das oberste Ziel: Kräfte einteilen und immer mal wieder Pausen machen zum Durchatmen. Setzen Sie Prioritäten und überfordern Sie sich nicht – die Dinge des Alltags können warten.


Eine überraschend frühe Geburt. Oft sogar ein Kaiserschnitt. Dann die schnelle Trennung von einem Wesen, das Sie sich nicht ganz so winzig vorgestellt haben, dem aber vom ersten Augenblick an Ihre Liebe gehört.
Etwas später sehen Sie Ihr Baby dann wieder – in einer High-Tech-Umgebung, die sich von der Geborgenheit im Mutterleib nicht stärker unterscheiden könnte. Es liegt in einem Inkubator, wie der Brutkasten in der Klinik heißt – umgeben von Überwachungsmonitoren. Technische Geräusche sind leider ebensowenig vermeidbar wie Elektroden, die Babys Atmung und Herzschlag messen und eine Sonde, die es über sein Näschen oder den Mund ernährt. Vielleicht muss zumindest anfangs zusätzlich eine Infusion gelegt werden. So befremdlich all das auch wirken mag, es ist momentan das richtige und wichtige Umfeld für Ihr Frühgeborenes und viele Kliniken versuchen heute, die Umgebung so sanft wie möglich zu gestalten.

Es ist nur menschlich, dass Sie sich um Ihr Baby sorgen und sich als junge Mutter oder Vater hilflos und überfordert fühlen. Deshalb sollten Sie unbedingt alle Hilfen annehmen, die Sie brauchen und die Ihnen jetzt angeboten werden. Dann können Sie beide die psychischen Belastungen besser verkraften – und sich als Mutter zumindest ein wenig von den physischen Anstrengungen nach der Geburt erholen.

11 Tipps für Frühcheneltern

Jeder in Ihrer Umgebung wird Verständnis haben für die anstrengenden Tage, die Sie zur Zeit im Krankenhaus auf der Intensiv- bzw. Frühchenstation verbringen. Auslagern heißt deshalb das Zauberwort. Viele Menschen werden Sie gerne unterstützen und Ihnen Aufgaben des täglichen Lebens abnehmen. Das einzige, was Sie tun müssen, ist zu entscheiden, was Ihnen nun gut tut – und auch nein zu sagen, wenn ein lieb gemeintes Angebot vielleicht nur eine zusätzliche Belastung darstellt.

  1. Geschwister-Fahrdienst
    Wer schon ältere Kinder hat, ist in einer besonderen Situation, denn diese könnten sich leicht vernachlässigt fühlen. Nicht alle Frühgeborenenstationen erlauben den Besuch von Geschwisterkindern. Aktivieren Sie doch Freunde, Bekannte oder auch die Großeltern zur Begleitung in den Kindergarten und für Fahrten zu den Nachmittagsaktivitäten. Am Abend kuscheln Sie dann ausgiebig mit Ihren „Großen".
  2. Familientaxi
    Die Betreuung eines Frühchens in der Klinik dauert Wochen, manchmal Monate. Wenn Sie noch nicht selbst Auto fahren möchten, können Familienangehörige Sie bestimmt ins Krankenhaus bringen und wieder abholen, sobald der Vater wieder arbeiten muss. Auch anfangs, wenn Sie beide viel in der Klinik sind, kann so ein Familientaxi, das benötigte Sachen oder auch gesunde Snacks zu Ihnen bringt, eine gute Idee sein.
  3. Essen gehen statt selbst kochen
    Auch wenn es vielleicht Ihr sehnlichster Wunsch ist – als Frühcheneltern können Sie nicht rund um die Uhr bei Ihrem Baby sein. Ob tagsüber, wenn Ihr Kleines schläft oder am Abend, wenn Sie nach Hause fahren: Nutzen Sie einfach diese Pausen, um zusammen essen zu gehen. Das spart wirklich viel Zeit und Sie können sich ganz in Ruhe miteinander über die Erlebnisse an diesem Tag austauschen.
  4. Einkaufsservice durch Nachbarn
    Sie werden wahrscheinlich nicht sehr oft zu Hause sein in dieser turbulenten Lebensphase. Die Basisausstattung für ein schnelles Frühstück oder einen Snack zwischendurch sollte vielleicht dennoch im Haus sein. Bitten Sie doch Freunde oder Nachbarn, Ihnen ein paar Kleinigkeiten vom Einkaufen mitzubringen. Die Liste schicken Sie einfach aufs Smartphone.
  5. Haushaltshilfe
    Zeit zum Aufräumen, Waschen und Putzen wird jetzt nicht übrig sein – und wenn doch, sollten Sie sich lieber ausruhen und sich an schönen Momenten erfreuen, statt sich mit dem Gedanken an die Perfektionierung des Haushaltes zu tragen. Vielleicht gelingt es Ihnen, für eine Weile Ihre Ansprüche an Ihr häusliches Umfeld zu minimieren oder Sie überlassen diesen Teil des Alltags einer Haushaltshilfe.
  6. Berichterstatterin
    Wahrscheinlich werden viele Freunde und Bekannte regelmäßig anrufen und sich nach Ihrem und Babys Wohlbefinden erkundigen. Wenn Ihnen das zu viel wird, schalten Sie Ihr Telefon ab. Beauftragen Sie doch eine enge Vertraute als Ansprechpartnerin, die über die aktuellen Fortschritte Ihres Frühchens berichtet. Alternativ können Sie oder Ihre Berichterstatterin auch eine WhatsApp-Gruppe gründen und dort regelmäßig ohne großen Aufwand das Neueste von der Frühchenstation mitteilen.

Brauchen Sie Unterstützung im Haushalt?

Im Internet gibt es diverse Portale, auf denen Sie in vielen Städten per Mausklick eine zuverlässige Unterstützung für Ihren Haushalt finden. Manche Krankenkassen übernehmen sogar die Kosten, wenn Sie ein ärztliches Attest vorlegen können, auf dem der Bedarf für eine Haushaltshilfe bescheinigt ist.

Unser Aptawelt-Tipp

Nutzen Sie die gewonnene Zeit! So können Sie, so oft die Stationsleitung es erlaubt, bei Ihrem Baby sein und wenn es schläft, etwas Erholsames oder Sinnvolles für sich selbst tun.

7. Kangarooing

... oder känguruhen. So heißt die inzwischen weltweit bekannte Methode, Frühchen jeden Tag 1 bis 2 Stunden zum Kuscheln auf die Brust ihrer Mutter oder ihres Vaters zu legen. Der enge Hautkontakt fördert nicht nur das Bonding, er ist für die Eltern und das Frühgeborene beruhigend und nachweislich positiv für die Entwicklung des Babys. Diese Praxis hat sich erst Anfang der 90er Jahre etabliert, wird aber inzwischen in fast allen Neonatologien angewendet, selbst bei den Allerkleinsten. Jüngste Untersuchungsergebnisse zeigen, dass sogar Babys, die zwischen der 25. und 27. SSW zur Welt kommen, schon 2 Wochen nach ihrer Geburt känguruhen können. Und das ist wahrscheinlich das Schönste, was Sie mit Ihrer gewonnenen Zeit für sich und Ihr Baby tun können.

8. Genug Zeit

Auch ungestört neben dem Inkubator zu sitzen und Ihr Frühchen, wenn es wach ist, die schon aus dem Mutterleib vertrauten Stimmen hören zu lassen, nimmt Ihnen einen Teil Ihrer Sorgen und gibt Ihnen das gute Gefühl, etwas für das Wohlbefinden Ihres Kleinen tun zu können. Genießen Sie diese Momente und schöpfen Sie daraus Kraft.

9. Nachsorgehebamme

Die Nachsorgetermine mit Ihrer Hebamme sollten Sie trotz der besonderen Umstände in Ihrem eigenen Interesse wahrnehmen. Es gibt genug Frühchenmütter, die darauf verzichtet haben und es später bereuen, denn die Hebamme kontrolliert zum einen, ob sich die Gebärmutter richtig und zeitgemäß zurückbildet. Zum anderen kann Sie aus ihrer Erfahrung beurteilen, ob die Heilung einer Damm- oder Kaiserschnittnaht gut verläuft. Die Hebamme zeigt Ihnen auch Übungen zur Rückbildung und berät Sie, wenn Sie Muttermilch abpumpen oder Ihr Frühchen teilweise sogar schon stillen können. Dazu finden Sie in der Rubrik Ernährung einen separaten Artikel. Nicht zuletzt hilft Ihnen Ihre Nachsorgehebamme auch verständnisvoll über die seelischen Tiefs, die in dieser besonderen Lebensphase auftreten können, hinweg.

10. Dialog und emotionale Unterstützung

Bestimmt werden Ihnen jetzt Familienmitglieder und Freunde Zeit zum Zuhören anbieten und Sie gerne ein wenig auffangen oder ablenken. In den großen Krankenhäusern mit Neonatologien gibt es zusätzlich unterschiedlichste Angebote für Frühcheneltern. Dazu gehören beispielsweise Elternselbsthilfegruppen, Elterngesprächskreise oder Einzeltermine mit einem Psychologen oder einer Psychologin. Auch Fachkräfte aus den Bereichen Kinderkrankenpflege und Ernährungsberatung stehen häufig unterstützend zur Verfügung. Durch den Dialog mit Experten werden Sie als Frühcheneltern schnell lernen, sich mehr zuzutrauen und sich ohne – oder nur mit ganz kleinen – Bedenken auf die Zeit nach der Entlassung aus der Klinik zu freuen.

11. Bundesverband „Das frühgeborene Kind e. V."

Die Webadresse www.fruehgeborene.de führt Sie direkt auf die Homepage des Vereins. Dort finden Sie nicht nur allgemeine Informationen, sondern z. B. auch eine Seite für Großeltern und für Geschwisterkinder. Interessant ist auch das Frühchen-ABC, in dem alle Fachbegriffe erklärt sind, die in der Klinik fallen – und für deren Erklärung die Ärzte vielleicht und verständlicherweise oft keine Zeit haben.

 

Eltern-Hotline des Bundesverbandes

Die Eltern-Hotline des Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind e. V." erreichen Sie dienstags und donnerstags von 9-12 Uhr unter 01805 875877.

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